Die klassische Pfeifenorgel


Es gibt viele verschiedene Orgeltypen. Die Beschreibung der Funktion einer Orgel wird hier auf den Typ eingegrenzt, der im Groninger Land am meisten vorkommt: die Orgel mit mechanischen Schleifladen. Dieser Orgeltyp ist im europäischen Orgelbau vom 16. bis in das 19. Jahrhundert hinein allgemein gebaut worden. Nach einer Periode, in der die pneumatische und elektropneumatische Traktur üblich war, ist die mechanische Orgel nach 1960 wieder am meisten gebaut worden. Für diese Erklärung wurde eine Orgel ausgewählt, wie sie in unserer Provinz im 17. oder 18. Jahrhundert gebaut worden sein könnte. 

Was ist nun eigentlich eine Orgel? Allein nach dem, was man von außen erkennen kann: ein schöner hölzener Kasten mit einer Anzahl schimmernder Pfeifen? Dies würde eine sehr unvollständige Beschreibung sein, wie es in den folgenden Abschnitten deutlich wird. An vielen Orgeln kann man am äußeren bereits erkennen, dass sie aus verschiedenen Teilen besteht. Abhängig von der Größe der Orgel heißen die Teile Oberwerk (1 in Abb. 1), Hauptwerk (2 in Abb. 1) und Brustwerk (3 in Abb. 1). Das Rückpositiv (4 in Abb. 1) befindet sich in einem separaten Gehäuse, aufgestellt im Rücken des Organisten (5 in Abb. 1). Die großen Pfeifentürme, häufig an den Seiten der Orgel aufgestellt, gehören zum Pedal (nicht in der Zeichnung abgebildet).
Eine Orgel ist eigentlich ein großes Blasinstrument. Der Klang, den eine Pfeifenorgel erzeugt, entsteht dadurch, dass Luft (meistens Wind genannt) durch eine Pfeife oder eine Anzahl von Pfeifen geblasen wird. Dem Prinzip nach ist das eine Sammlung von Blockflöten und Klarinetten, für jeden Ton eine. Anstelle sie selbst anzublasen, drückt ein Organist eine oder mehrere Tasten, womit er eine Verbindung zwischen der unter Druck stehenden Luft im Balg und den betreffenden Pfeifen herstellt. Die Tonhöhe hängt vor allem von der Länge der Pfeife und die Klangfarbe (der Klangcharakter) von der Form und dem Material der Pfeife ab. Eine Pfeifenreihe von aufeinander folgender Tonhöhe und von derselben Klangfarbe heißt Register. Die wichtigsten Teile einer Pfeifenorgel, auch Kirchenorgel genannt, sind daher

- die Pfeifen
- die Windversorgung
- die Spielmechanik

Pfeifen
Wenn ein Blockflötenspieler die Tonhöhe seines Instrumentes verändern will, schließt oder öffnet er eine Anzahl von Fingerlöchern in der Wand der Flöte. Dadurch wirkt es so, als ob die Flöte jeweils länger oder kürzer wird. Eine Orgelpfeife kann nur eine Tonhöhe erzeugen. Für jede Tonhöhe ist also eine einzelne Pfeife mit einer anderen Länge notwendig: je kürzer die Pfeife, desto höher der Ton und umgekehrt. Für eine Klaviatur (Manual) mit 54 Tasten sind für jedes Register daher auch mindestens 54 Pfeifen nötig. Es gibt viele verschiedene Pfeifenformen, jede mit einer eigenen Klangfarbe. Pfeifen werden aus Metall oder Holz gebaut. Wenn es um die Tongebung geht, werden Orgelpfeifen in zwei Kategorien eingeteilt: die Labialpfeifen und die Zungenpfeifen.



Die Labialpfeife (oder Lippenpfeife) kommt am meisten vor und ist die wichtigste Pfeifenform. Die Pfeifen im Prospekt einer Orgel gehören im allgemeinen zu dieser Pfeifenart. Die Labialpfeife verdankt ihren Namen den zwei Lippen, dem Oberlabium (6 in Abb. 2) und dem Unterlabium (7 in Abb. 2), die die Öffnung an der Vorderseite der Pfeife, Aufschnitt (5 in Abb. 2) genannt, umgrenzen. Luft (Wind), die durch die Öffnung im Pfeifenfuß (9 in Abb. 2) in die Pfeife geblasen wird, wird durch die schmale Kernspalte (8 in Abb. 2) zwischen dem Unterlabium und der Abdeckung des Pfeifenfußes, dem Kern (3 in Abb. 2), gepresst. So entsteht gleichsam ein Luftband, das gegen das untere Ende vom Oberlabium strömt. Die Luftwirbel, die dadurch entstehen, werden durch die Luft im Pfeifenkörper (1 in Abb. 2) fortgesetzt und verursachen dort eine stehende Wellenbewegung, eine Vibration in der Luft, die als Ton zu erkennen ist. In einem langen Körper entsteht ein tiefer Ton, in einem kurzen Körper sind die Vibrationen schneller und der Ton ist höher.


Die Zungen- oder Lingualpfeife unterscheidet sich in Bau und Klangerzeugung völlig von der Labialpfeife. Das wichtigste Bestandteil der Zungenpfeife ist selbstverständlich die Zunge (5 in Abb. 3), ein dünner Streifen aus elastischem Messing. Auch bei dieser Pfeifenform kommt der Wind von unten durch die Fußöffnung (7 in Abb. 3) in die Pfeife. Dieser Pfeifenfuß wird Stiefel (2 in Abb. 3) genannt. Die einströmende Luft bringt die Zunge in Schwingung, wodurch diese eine Öffnung in der Kehle (4 in Abb. 3) schnell öffnet und schließt. Der pulsierende Luftstrom, der durch die Kehle strömt, bringt die Luft im Schallbecher (1 in Abb. 3) in Schwingung, was dann als Ton wahrgenommen wird. Mit Hilfe der Stimmkrücke (6 in Abb. 3) kann die Länge des schwingenden Teils der Zunge und damit auch die Tonhöhe verändert werden. Diese Stimmkrücke wird gebraucht, wenn die Zungenpfeifen gestimmt werden müssen


Klangfarbe
In den vorhergehenden Absätzen wurde erläutert, wie der Klang in einer Orgelpfeife entsteht. Doch unterscheidet sich die Klangfarbe, der Klangcharakter von der einen zur anderen Pfeife teilweise erheblich, genauso wie sich der Klang von verschiedenen Instrumenten – Violine, Klavier, Flöte, Stimme – unterscheidet. Ein Ton a auf einem Klavier klingt komplett anders als derselbe Ton a auf einem Dudelsack gespielt oder mit der Stimme gesungen. Das kommt daher, dass ein wahrgenommener Ton sich immer aus einem Grundton und einer ganzen Reihe (manchmal bis zu zwanzig) von hörbaren Obertönen zusammensetzt. Einige Instrumente und Orgelpfeifen klingen heller, silbrig und strahlend: sie erzeugen viele hohe Obertöne. Andere klingen geradezu hohl und gestopft: sie bringen wenig hohe Obertöne hervor. Eine Reihe Pfeifen mit ein und demselben Klangcharakter für alle Töne über den Klaviaturumfang wird Register genannt.
Ein Register, das pro Taste dieselbe Tonhöhe erzeugt wie ein Klavier auf einer übereinstimmenden Taste, wird ein 8-Fuß-Register genannt. Die längste und damit auch am tiefsten klingende Pfeife dieses Registers ist nämlich acht Fuß (ca. 2,4 m) lang. Pfeifen eines 4-Fuß-Registers klingen auf derselben Taste eine Octave höher. Ein 4-Fuß-Register, dessen Pfeifen oben mit einem Stopfen oder Hut abgedeckt sind, klingen wie ein 8-Fuß-Register. Für die ganz tiefen Töne und damit auch für die längsten Pfeifen kann das einiges an Raum und Material einsparen. Eine gedeckte Pfeife erzeugt viel weniger Obertöne und ist dadurch weniger hell im Klang als eine offene Pfeife vom selben Durchmesser.


Mensuren
Unter der Mensur einer Orgelpfeife versteht man das Verhältnis von Durchmesser und Länge der Pfeife. Allgemein werden Labialpfeifen in drei Kategorien eingeteilt: Register von enger, normaler und weiter Mensur. Beispiele von Pfeifen mit verschiedenen Mensuren sind in Abb. 4 abgebildet. Die erste Pfeife stammt aus dem Register Praestant. Der Praestant ist ein Register mit einer normalen Mensur, mit einem hellen, vollen, obertonreichen Klang. Die Praestanten (oder Principale) sind die wichtigsten Register in einer Orgel. Pfeifen mit einer weiten Mensur sind in flötenartigen Registern zu finden, wie z.B. der Offenflöte oder dem Nachthorn (2 in Abb. 4). Diese Pfeifen erzeugen weniger Obertöne und sind dadurch weicher und schwächer im Klang. Register mit einer engen Mensur werden Streicher genannt, da sie einen obertonreichen Klang erzeugen, der an Streicher erinnert. Beispiele dafür sind die Viola da Gamba (3 in Abb. 4) und der Salicional. In Abb. 4 sind eine Reihe gedeckter Pfeifen abgebildet. Die Holpijp oder Bourdon (6 in Abb. 4) besitzt gedeckte Pfeifen von normaler oder weiter Mensur. Eine enge Mensur besitzen die gedeckten Pfeifen der Quintadena (7 in Abb. 4). Andere Arten von Pfeifen sind konisch, wie z.B. das Gemshorn (4 in Abb. 4), trichterförmig wie die Trichterflöte (5 in Abb. 4), oder halbgedeckt wie die Rohrflöte (8 in Abb. 4). Diese wird halbgedeckt genannt, da im Pfeifendeckel ein kleines Rohr angebracht ist.


Die Windversorgung
Pfeifen können noch so gut und in noch so vielen verschiedenen Arten gebaut sein, und sie können in einem noch so prächtigen Gehäuse stehen, doch was sie alle nötig haben, um erklingen zu können ist ... Wind. Wie ein Flötenspieler seine Flöte anbläst, so müssen auch die Orgelpfeifen angeblasen werden. Früher wurde diese Luft mit Hilfe von großen Blasebälgen erzeugt, die durch einen oder mehrere Menschen bedient wurden. Das war ein schweres Stück Arbeit, aber mit dem Aufkommen der elektrischen Gebläse ist das nicht mehr notwendig. Im folgenden Abschnitt werden die verschiedenen Bestandteile der Windversorgung näher betrachtet. In Abb. 6 wird der Weg, den die Luft geht, schematisch wiedergegeben. Das Gebläse (1 in Abb. 6) bläst die Luft in den Balg (2 in Abb. 6). Der Balg, ein hölzener Kasten mit einer beweglichen Oberseite, sorgt für eine regelmäßige Luftzufuhr zu den Pfeifen unter einem mehr oder weniger konstanten Winddruck. Am Balgdeckel ist eine Konstruktion angebracht, mit der die Luftzufuhr vom Gebläse zum Balg abgeschlossen werden kann. Wenn viel Luft nötig ist, um eine große Anzahl von Pfeifen zum Klingen zu bringen, sinkt die Oberseite des Balges etwas ein und der Zugangsweg wird mit einer Klappe oder einer Art Rollo weit geöffnet. Genauso wird dieser Zugang, wenn wenig Luft benötigt wird, wieder geschlossen. Auf diese Weise erreicht man einen Luftstrom zur Windlade, der immer von konstantem Druck ist.


Mechanik
Wie man in Abb. 1 erkennen kann, stehen die Pfeifen einer Orgel auf einem hölzernen Kasten, der sogenannten Windlade (6 in Abb. 1). Abb. 7 zeigt einen Durchschnitt von vorne durch so eine Windlade. Eine durchschnittliche Windlade ist ungefähr zwei Meter lang, einen Meter breit und 25 cm hoch. An der Oberseite befinden sich genauso viele Löcher wie es Pfeifen gibt. In diese Löcher werden die Pfeifen gestellt. Wenn auf der Windlade nicht genügend Platz vorhanden ist oder wenn einige Pfeifen nicht direkt auf der Lade stehen, wie die Prospektpfeifen des Praestanten, können sich auch an den Seiten der Lade Löcher befinden. Für diese Pfeifen verwendet man Kondukten, um die Luft zu den Pfeifenfüßen zu führen. Unter der Windlade befinden sich metallene Zugdrähte (3 in Abb. 7), für jede Taste in der Klaviatur einer. An der Seite ist der Windkanal angeschlossen, durch den die Luft in die Lade gelangt. Auch die Registermechanik befindet sich an der Seite. Der Weg, den der Orgelwind zurücklegt, ist folgender: aus dem Balg strömt der Wind durch den Windkanal in den unteren Teil der Windlade, den Ventilkasten (1 in Abb. 7). Dort wird die Luft durch Abschlussklappen, Ventile (2 in Abb. 7) genannt, aufgehalten. An jedem Ventil sitzt ein Zugdraht, der über eine kunstvolle Mechanik am anderen Ende mit einer Taste verbunden ist. Drückt der Organist nun eine Taste, dann wird das Ventil geöffnet und die Luft kann durchströmen. Wenn die Taste losgelassen wird, sorgt eine Feder dafür, dass das Ventil wieder geschlossen wird. Die Lust ist nun in einer schmalen, rechteckigen Kammer angekommen, die Kanzelle (4 in Abb. 7) genannt wird.

Eine Kanzelle wird von oben durch eine Leiste (Spund genannt) abgeschlossen, in die Löcher gebohrt sind, durch die die Luft zu den Pfeifen strömen kann. Zwischen dem Deckel der Lade, dem Pfeifenstock mit den Löchern in denen die Pfeifen stehen, und den Spunden liegen verschiebbare Latten, die Schleifen (5 in Abb. 7). In einer Schleife, die quer über den Kanzellen liegt, sind die Löcher so gebohrt, dass wenn die Schleife in eine bestimmte Position geschoben wird, die Löcher genau über den Löchern in den Spunden liegen. Auf diese Art und Weise kann die Luftzufuhr zu einer Pfeifenreihe geöffnet oder geschlossen werden. Das Hin- und Herschieben der Schleife geschieht mit Hilfe einer Mechanik, die mit einem Zugknopf neben den Manualen verbunden ist. Um dafür zu sorgen, dass die Pfeifen nicht umfallen, werden sie auf ungefähr 15 cm Höhe über den Stöcken durch die Rasterbretter gestützt. Der Raum zwischen Pfeifenstock und Schleifen muss natürlich luftdicht abgeschlossen sein, um zu verhindern, dass Luft zu Pfeifen entweicht, die nicht mitklingen sollen. Filzringe rund um die Bohrlöcher und manchmal auch mit Leder umwickelte federnde Schleifenabdichtungen werden dafür verwendet. Nun kann der Wind die richtige Pfeife erreichen und sie in der richtigen Tonhöhe zum Sprechen bringen.



Zum Schluss
Es sollte deutlich sein, dass diese Beschreibung weit entfernt von Vollständigkeit ist. Mann könnte z.B. noch viel über die Tasten- und Registermechanik erzählen. Weiterhin wurde auch nicht auf Mixturen und weitere gemischte Register eingegangen. Hoffentlich hat der interessierte Laie etwas über die Funktionsweise einer Pfeifen- oder Kirchenorgel lernen können, zumindest was die Technik der mechanischen Schleiflade betrifft.